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Alternative Behandlungsmethoden für chronische Erkrankungen

Von Pauline Jaroszewski

Pferdebesitzer wissen alle, wie wichtig es ist, seinem Pferd eine möglichst unbeschwerte Weidesaison zu ermöglichen. Doch selbst wenn das Weidemanagement des Stallbetreibers nahezu perfekt ist, was die Größe, Pflege und Grassorten der Weideflächen angeht, gibt es leider immer noch viele Pferde, die diese Zeit nicht ganz so sorglos genießen können. Dazu zählen Pferde, die zu Sommerekzemen, Hufrehe und anderen Stoffwechselerkrankungen neigen oder wegen einer Sehnenverletzung nicht auf die Weide dürfen. Bei diesen Problemen handelt es sich nicht selten um chronische Erkrankungen, deren schulmedizinische Behandlung langwierig und teuer werden kann. Meistens wird darum gekämpft, die aktuelle Symptomatik in den Griff zu kriegen. Nicht selten kehren die Probleme jedoch wieder. Viele Tierhalter fühlen sich dann hilflos und fragen nach unterstützenden Alternativen.

Wann sprechen wir von chronischen Erkrankungen?

Man spricht von chronischen Erkrankungen, wenn das Problem länger als sechs Wochen andauert oder in relativ kurzen Abständen immer wiederkehrt. Meistens kann in diesen Fällen die Ursache der Erkrankung nicht gefunden oder endgültig behoben werden (z. B. Arthrose aufgrund von Gelenkabnutzung, chronischer Leistungsmangel aufgrund einer Lungenerkrankung oder Sehnenschadens, Allergien aufgrund einer Überreaktion des Immunsystems).

Auslöser und Ursachen für chronische Erkrankungen sind sehr vielfältig. Ungünstige Umwelt- und Haltungsbedingungen in den Ställen können genauso dazu führen, wie Pferdehalter selbst, welche die Entstehung solcher Erkrankungen unwissentlich mit einem zu viel an Wurmkuren, falschem Training, Stress in jeglicher Form oder falschen Futtermitteln fördern. Bleiben chronische Erkrankungen unbehandelt bestehen, verschlechtern sie sich im Laufe der Zeit in der Regel und führen zu immer größeren Problemen, da sie zunehmend auch Auswirkungen auf andere Organsysteme und Körperstrukturen haben können.

Unterschiede zwischen Schul- und Komplementärmedizin

Sogenannte Schulmedizin gibt es seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie arbeitet nach dem Kausalitätsprinzip: Ursache A hat Wirkung B zur Folge. Beispiel: Eine Arthrose im Gelenk hat eine Lahmheit bewirkt. Alle diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen (z. B. Medikamente und Operationen) schulmedizinisch arbeitender Therapeuten folgen naturwissenschaftlichen Prinzipien. Die Art der Behandlung wird nur dann anerkannt, wenn der Heilerfolg mit wissenschaftlichen Methoden objektiv überprüfbar ist und kein Einzelfall bleibt. Im Vordergrund steht die Suche nach der Krankheitsursache, die Behandlung erfolgt in der Regel auf das Symptom bezogen. Der Rest des Körpers oder die Psyche sind eher zweitrangig. Pharmazeutische Produkte sind in ihrem Wirkspektrum sehr eng begrenzt. Nebenwirkungen müssen beachtet werden, damit lebenswichtige Organe wie Leber und Nieren keinen dauerhaften Schaden nehmen. Schwierig kann es auch werden, wenn Laborwerte und Röntgenbilder keine Veränderungen aufweisen und somit keine Ursache für die Erkrankung zu finden ist.

Alternativ arbeitende Therapeuten wie Heil- und Tierheilpraktiker, aber auch Physiotherapeuten und Osteopathen versuchen mit verschiedenen Methoden der traditionellen Naturheilkunde die Selbstheilungskräfte des Patienten zu stimulieren und so die Genesung einzuleiten. Hierbei geht es nicht darum, Symptome zu unterdrücken. Naturheilkunde ist fast so alt, wie die Menschheit, findet sich bei einfachen Naturvölker und den großen Hochkulturen. Auch das Behandeln von einigen Tierarten war für den Menschen lange Zeit überlebenswichtig. Erste Aufzeichnungen von Akupunkturbehandlungen der Pferde mit TCM (Traditionelle Chinesische Medizin) sind über 2000 Jahre alt.

Das Prinzip der Naturheilkunde folgt einem ganzheitlichen Ansatz. Hierbei stehen nicht nur die aktuellen Krankheitssymptome im Fokus, sondern das einzelne Tier mit seinen individuellen Symptomen und Lebensumständen, so wie seine Beziehung zum Tierhalter und den Artgenossen. Wir fragen uns beispielsweise, warum hat dieses Pferd Arthrose in genau diesem Gelenk und die anderen Pferde nicht? Wie können wir ihm helfen, dauerhaft schmerzfrei mit dieser Arthrose zu leben, ohne dass daraus neue Probleme entstehen?

Therapeuten, die mit naturheilkundlichen Methoden arbeiten, sehen sich eher als ergänzende Hilfe (Komplementärmedizin) zur wissenschaftlich orientierten Schulmedizin, denn als Konkurrenz. Uns allen geht es um das Wohl der Patienten. Schon der altgriechische Arzt Hippokrates war der Meinung: “Wer heilt, tut Recht.”

Welche Naturheilverfahren gibt es?

Es gibt viele verschiedene Methoden in der Naturheilkunde. Sie reichen von manuellen Therapien wie der Osteo- und Physiotherapie bis hin zur Homöopathie, Kräutern, Vitalpilzen und vielem mehr. All diese Methoden sind gut miteinander kombinierbar, haben ein breiteres Wirkspektrum als Medikamente und lassen sich individueller an das jeweilige Tier anpassen. Belastende Nebenwirkungen gibt es bei korrekter Diagnose und Anwendung keine.

Neben manuellen Therapien und Akupunktur arbeite ich in meiner Tierheilpraxis gerne mit Kräutermischungen, da das Pferd von Natur aus darauf sehr gut anspricht. Wenn Pferde die freie Wahl und Möglichkeit haben, kann man sie verschiedenste Kräuter wie Brennnesseln, Löwenzahn oder Beifuß zu verschiedenen Jahreszeiten fressen sehen. Sie scheinen also genau zu spüren, was ihnen wann gut tut.

Unser Haflinger entschied sich eines Tages völlig überraschend, eine Unmenge an Disteln in voller Blüte zu fressen, obwohl er sich an ihnen die komplette Nase blutig aufriss. Bevor wir uns noch fragen konnten, ob er das einfach nur aus Langeweile oder Dummheit tat, präsentierte er uns einen Tag später vier dicke Beine und damit den Grund. Er hatte sich an Graukresse vergiftet und “wusste” intuitiv, dass es jetzt wohl besser wäre, mit dem schmerzhaftem Verzehr der Disteln, sich zu entgiften, aber vor allem seine Leber vor Schaden zu bewahren.

Immer öfter werde ich zu Pferden gerufen, die mit Husten und Atemwegserkrankungen oder Jucken und vielfältigsten Hautproblemen zu kämpfen haben. Allergien sind auch bei Pferden leider mehr und mehr auf dem Vormarsch und stoßen bei der Schulmedizin schnell an ihre Grenzen. Zum einen lässt sich nicht immer genau feststellen, auf was das Pferd allergisch reagiert und zum anderen ist es nicht immer möglich, alle allergieauslösenden Stoffe aus der Umwelt des Pferdes zu entfernen. Kortison sollte nur im Notfall und auch nur kurzfristig verabreicht werden, weil es sehr massiv in den gesamten Stoffwechsel des Pferdes eingreift und dauerhaft die Nieren schädigen kann. Desensibilisierungsspritzen können helfen, sind aber eine langwierige und nicht gerade preiswerte Behandlung, welche aus meiner Erfahrung auch eher selten zum völligen Stillstand einer Allergie führen.

Bei Allergien und anderen Stoffwechselerkrankungen, wie z. B. Cushing, Equines Metabolischen Syndrom (EMS) oder auch chronische Hufrehe, hat man am ehesten Erfolg, wenn man eine naturheilkundlich ganzheitliche Behandlung anstrebt. Das Immunsystem umstimmen nennen wir das, dem Körper die Kraft geben, sich selbst zu regulieren. Es muss ja einen Grund (Defizite) geben, warum mein Pferd sich mit dieser Erkrankung quält und der Stallkollege, welcher in der gleichen Umgebung lebt und das gleiche Heu bekommt, nicht. Die Behandlung chronischer Erkrankungen mit naturheilkundlichen Therapien braucht ihre Zeit und kann keine Garantien geben, dass die Allergie komplett verschwindet, aber fast immer gibt es eine Verbesserung der Symptomatik ohne gravierende Nebenwirkungen, die den Körper zusätzlich schwächen.

Schmerzmittel und Entzündungshemmer lassen sich mit Kräutern, Magnetfeld oder Akupunkturnadeln ersetzen. Sogenannte Vitalpilze können das Immunsystem positiv beeinflussen. Einige besitzen sogar eine natürliche kortisonähnliche Wirkung. Traditionelle Chinesische Medizin arbeitet mit Akupunkturnadeln, Massagen, Kräutermischungen und Bewegungstherapie. Damit haben sich die Chinesen jahrtausendelang erfolgreich behandelt, ohne den Blick ins Innere eines Körpers zu benötigen.

Blutegeltherapie: diese kleinen, glitschigen Gesellen sind ein Wunderwerk der Natur und verdienen eigentlich einen eigenen Artikel, da sie unglaublich vielfältig einsetzbar sind (z. B. bei Abszessen, Hufrehe, Arthrose, Gelenkgallen).

Wann und wie kann ich alternative Behandlungsmethoden an meinem Tier anwenden?

Eigentlich immer, wenn es sich nicht um akut lebensbedrohliche Erkrankungen handelt oder Erkrankungen, die dem Tiergesundheitsgesetz (Seuchenschutz) unterliegen. Sie sind auch mit schulmedizinischen Behandlungen kombinierbar, sollten dann aber vorab mit dem Tierarzt besprochen werden, da die Wirkungsweise einiger Medikamente durch pflanzliche Präparate beeinträchtigt werden kann.

Immer wieder treffe ich auf Tierhalter, die zu sehr auf die Schulmedizin als Allheilmittel vertrauen. Der zu leichtfertige und unkritische Umgang mit Antibiotika hat weltweit zu multiresistenten Krankheitserregern geführt und sollte als mahnendes Beispiel dienen, nicht alles mit Chemie lösen zu wollen. Das gleiche gilt auch für Impfungen und Wurmkuren.

Aber auch alternative Behandlungskonzepte sollten wohlüberlegt eingesetzt werden. Nicht selten erfahre ich von Kunden, dass sie mit Hilfe von ‘Doktor Google’ eine eigene Diagnose für ihr Tier gestellt haben und auch gleich in Internetforen die passende Therapie gefunden zu haben meinen. Dann wird wild alles ausprobiert und sich geärgert, wenn das nichts bringt. Handelt es sich um ein größeres oder bereits länger bestehendes Problem des Tieres, kann ich nur jedem raten, einen erfahrenen Therapeuten zu konsultieren. Oftmals ist das sichtbare Symptom, nicht das eigentliche
Problem oder gar die Ursache.

Naturheilkundliche Therapien kann man auch vorbeugend einsetzen. Durch eine Stärkung des Immunsystems, rechtzeitiger Entlastung der Entgiftungsorgane Leber und Niere oder Behebung von Unregelmäßigkeiten im Bewegungsapparat kann die Entstehung chronischer Erkrankungen verhindert werden.

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