RitteRückblick

Über und unter den Wolken (200 km durchs Westhavelland)

Von Erik Heinrich

3. Havellandkurier  6. – 13. August 2011

Siebene auf einen Streich – Prüfling im Ameisenhaufen gelandet – Prüferin geht der Hut hoch!

Aber der Reihe nach! Der VFD-Naturparkritt „3. Havellandkurier“ (zeitlich nach dem 4. Kurier, weil vorher ausgeschrieben!) war wieder ein Traum auf Hufen! Und zum Teil überirdisch schön, obwohl er zeitweise unter dicken Wolken stattfand. Alle Vier- und Zweibeiner haben ihn glücklich überstanden. 

Für Schnellleser: hier abspringen und am Ende des Berichts wieder landen, dort sind Schönes und weniger Schönes zusammengefasst!

Nur fliegen ist schöner, oder doch das Reiten…

Etwa 20 Reiter-Pferde-Paare treffen sich am ersten Sonnabend im August im Örtchen Dreetz, das in OPR liegt, aber nur ein paar Pferdelängen vom schönen Havelland entfernt. Drei davon sind Aspiranten für die Prüfung zum Geländerittführer / -führerin. Vier weitere Prüflinge gesellen sich an verschiedenen Ritttagen dazu – also insgesamt nicht weniger als sieben. 

Treffpunkt: Die  „Smith & Miller Ranch“. Miller (bürgerlich: Thomas Müller) ist ein origineller Vogel, der sich gastliche Mühe gibt und das Geschehen vor Ort witziger Weise live am Mikrofon kommentiert. Genug Bier für die Menschen, Weidefläche für die Pferde. Die Prüferin Birgit Groth nimmt die Prüflinge – Anna, Katrin und mich gleich feste ran: Fitness-Check unserer und der eintreffenden Teilnehmer-Pferde. Alle Pferde sind „ritttauglich“. Den Reitern glauben wir’s auch ohne Check.

Später kommen wir Prüflinge wenigstens dazu, unseren Pferden den Reitplatz zu zeigen und unsere Zelte aufzubauen. Allerdings nicht mehr, wie erhofft, noch einmal durch den umfangreichen Lernstoff zu gehen. Kennenlernrunde, einige Wanderreit-Anfänger dabei. Thomas kippt mit der Bank spektakulär um und gibt sich beinahe die Kante. Die gelungene Show-Einlage bleibt der einzige Reitunfall (außer Andreas – der goldene Trosser – am letzten Tag mit seinem Klappstuhl). Lagerfeuer und Bierchen.

So, 7. August, 1. Reittag: Vormittags Ritt nach Neustadt und Besichtigung des Haupt- und Landgestüts; der Trip gefiel allen gut. Nur einer drehte um, weil sein Pferd am Rad drehte. (Gab sich aber sehr bald.) Dressurprüfung  drei der Prüflinge. Danach schriftliche Prüfung. Alle drei o.k. Drei Gruppen am Nachmittag, eine flottere mit Sabina („Hexe“), eine ruhigere mit Barbara, eine Prüflingsgruppe mit Birgit („Die Botaniker“). Zwei Paare Einzelreiter. Alle wohlbehalten 12 km weiter in Wutzetz auf dem Eichenhof und Shagya-Gestüt von Verena und Karsten Orgis angekommen. Tolle Hengste, u.a. Körungssieger Salazar, ein Traumtyp!  Ausgezeichnetes Abendessen in der Reithalle. Um halb drei nachtwanderndes Pferd eingefangen. 

Mo, 8. August, 2. Reittag: Mit super Frühstück und Kessel-Rührei im Bauch auf die erste längere Etappe. Am Vormittag stoßen Christa und Andreas als weitere Prüflinge zu uns. Meine Geländeprüfung. Komischer Weise nicht verritten. Durch Wald und Luchwiesen bei tollem HVL-Licht. In Friesack droht Gewitter und wir stellen uns bei der Agrargenossenschaft in der Maschinenhalle unter. Danach sehr zügiger Ritt durch den Wald und fast rechtzeitig zur Mittagsrast kurz hinter Görne (im niedlichen Görne nette Mensch mit Wassereimern). Picknick im wieder strahlenden Sonnenschein. 

Dann übernimmt Andreas die Prüflingsgruppe und auch er findet den richtigen Weg. Unterwegs „Unfall“: Christa spielt Indianerfilm-reif Sturz vom Pferd, landet allerdings leider in einem Ameisenhaufen. Andreas leistet erste Hilfe, indem er die Ameisen wegklopft und –pustet. Pünktlich zum Kaffee am Nachmittag Ankunft auf dem Flugplatz von Winnie Rall. Leider gibt es ein Pferd mit Satteldruck (Dressursattel). Dieses Pferd blieb auf dem Ritt das einzige, das aufgeben musste. Nicht aber seine zweibeinige Bezugsperson, Kordula, die in Begleitung von Giesa die nächste Tagesetappe zu Fuß mit Pferden an der Hand absolvierten. Wer sein Pferd liebt, der schiebt! Da ziehen wir doch unseren Hut! Apropos Hut! Aber dazu später! 

Später gibt es vernünftiges Abendessen. Wie jeden Abend folgt eine kurze Rittbesprechung. Und danach das beliebte Kuriertaschen-Spiel. Susanne legt heute und jeden weiteren Abend einen für Wanderreiter nützlichen Gegenstand in die Tasche und die Teilnehmer dürfen raten, welchen (z.B. ein Universalmesser, ein Kompass, eine LED-Lampe u.v.a.) Tuschi erweist sich als ziemlich unschlagbare Raterin. Die gut gefüllte Tasche wird am letzten Ritttag unter alle Teilnehmern verlost, Anna wird die strahlende Gewinnerin sein. 

Am Abend gemeinsames teils Singen, teils Knödeln, teils Grölen – aber alle amüsieren sich wie Bolle. Überhaupt sollte der 3. Havellandkurier die sangesfroheste Tour seit Anbeginn der VFD-Naturparkritte werden. Dieser Abend wurde auch zur Geburtsstunde des von Multitalent Barbara auf der Melodie von „Ein Freund, ein guter Freund“ gedichteten Havelreiterliedes, das dem erwartungsfrohen Leser hier nicht vorenthalten werden soll:

1. Sonniger Tag! Wonniger Tag! Klopfendes Herz und vier Hufe am Start!
Lachendes Ziel! Wiese und Wald und die Pause ist bald!
Das Havelland, das nahmen wir mit. So ging der Ritt im sausenden Schritt!
Über den Fluss, über das Land haben wir eines erkannt:
 
Refrain:
Ein Pferd, ein gutes Pferd, das ist das Schönste was es gibt auf der Welt.
Ein Pferd bleibt immer Pferd, und wenn die ganze Welt zusammenfällt.
Drum sei doch nicht betrübt, wenn dein Schatz dich nicht mehr liebt.
Ein Pferd, ein gutes Pferd, das ist das Schönste was es gibt.
 
Alternativ: 
das ist das Beste was es gibt.
 
2. Sonnige Welt! Wonnige Welt! Hast uns für immer zusammen gesellt!
Liebe vergeht! Liebe verweht, Freundschaft alleine besteht!
Ja man vergisst, wenn man geküsst, weil auch die Treue längst unmodern ist!
Ja, man verließ manche Madam, wir aber halten zusamm’.
 
Refrain:
Ein Pferd, ein gutes Pferd, das ist das Schönste was es gibt auf der Welt.
Ein Pferd bleibt immer Pferd, und wenn die ganze Welt zusammenfällt.
Drum sei doch nicht betrübt, wenn dein Schatz dich nicht mehr liebt.
Ein Pferd, ein gutes Pferd, das ist das Schönste was es gibt.

Di, 9. August, 3. Reittag: Am Vormittag Christas Prüfungsritt. Lange Passagen, meist Trab über endlose Plattenweg-Mittelstreifen, teils bei Sturm. Birgit verliert zwei mal ihren Hut, aber nie die Contenance. Der Hut kann knapp vor dem Graben geborgen werden. Christa bringt ihre Gruppe gut zur Rast in Gräningen. Neue Betreiber. Die leckere Suppe und der gute Kaffee (etc.) stimmen hoffnungsfroh. Danach übernimmt Katrin, repariert souverän ein gerissenes Halfter und führt die Gruppe durch den tiefen langen Wald, ein besonders märchenhafter Streckenabschnitt. 

Alle gut über die Fähre, die auf der randvollen Havel schaukelt wie bei Seegang. Ankunft Kützkow, hübscher Campingplatz. Pferde wundern sich (gelinde gesagt) über die komischen Vögel. Nicht die Reiter, die Straußen. Für ein Örtchen weit weg von irgendwo super Gastronomie in der Gaststätte „Zum Walnussbaum“. Abends Lagerfeuer und wieder schöne Lieder. Barbara und Maria sowie Gastsängerin Christina sind hier lobend hervorzuheben. Auch der Autor frönt dem alten Leitmotiv: nicht schön, aber laut!

Fährüberquerung mit 30 Pferden bei Pritzerbe und unruhigem Wetter und Hochwasser

Mi, 10. August, 4. Reittag: Morgens Ritt der Prüfungsgruppe mal ohne Prüfling. Herrlich über den Deich zwischen Möwen, Kiebitzen, Enten, Gänsen. Entschädigt im Voraus für längere Passagen durch Ortschaften, aber auch da immer wieder gut ausgesuchte Waldstücke zur Abwechslung. Wieder eine Spitzen-Mittagsrast in Galm von der köstlichen Zucchini-Suppe über den Rollmops bis zum Obst, Kuchen und Kaffee. Danach übernimmt Anna das Trüppchen und führt es sicher über Felder, Wiesen und Auen, wunderschön. Nur kurzzeitig üble Laune in der Truppe mangels Pinkelmöglichkeit. Göttliche Galopps. Und am Schluss eine lange, fiese Brücke über Schnellstraße und Bahnlinie, aber die Pferde gehen rüber wie von der Box zur Weide. Das Traum-Eis in Steckelsdorf im legendären Eiscafé Schwarz und danach das ausgezeichnete und reichhaltige Abendessen auf der Big-DD-Ranch bei Deichsels, die den Pokal für die liebevollste Rundumversorgung von Pferden und Reitern verdienen. Trotz Nieselregens große Gemütlichkeit unter dem großen Dachpilz neben dem Lagerfeuer.

Do, 11. August, 5. Reittag: von all den schönen Tagesetappen erwartet uns die allerschönste. Steffi führt die Gruppe, zuerst ein wenig unsicher im Ort, aber dann immer souveräner. Lange Stücke an der Havel entlang auf karpalgelenkhoch überfluteten, aber festen Wegen, Kneipkur für die Pferde, Spaß für die Reiter. Traumhafte Mittagsrast im Haus am See, Schollene, überirdisch der Blick vom Hügel über den See. Dazu sehr gutes Essen. Unterdessen stehen 25 Pferde angebunden im Karree und dösen vor sich hin. Ein Bild von weltferner Friedlichkeit. 

Danach fast nur noch an Haveldeichen entlang in kaum enden wollenden Trabs und Galopps auf sehr günstigem Untergrund. Dazu der Dreiklang Havel, Himmel, Wiesen. Wanderreiten vom Feinsten! Am Schluss in Strodehne Fußbad in der Havel für die Pferde (für Unerschrockene – Caro, Tuschi – sogar Vollbad!) Gemütliches Abendessen bei Ulrike und Ralf Schwuchow und anschließend Bier in zureichender Menge sowie angeregte Unterhaltung am Lagerfeuer. 

Fr., 12. August, 6. Reittag: Bei bedecktem Himmel am Natur-Juwel Gülper See entlang. Bald reißt die Wolkendecke auf, grandios. Große Storchfamilien staksen durch die reich gedeckten Wiesen. 
Mittagsrast in Stölln neben der berühmten „Lady Agnes“, eine Iljuschin 62, die kurz vor der Wende hier, auf dem ältesten Flugplatz der Welt (weil Lilienthals Übungsgelände) mit einem krassen Landemanöver ihren Ruhestand fand. Auf der Terrasse der Pension mit Restaurant „Schwalbennest“ bei strahlendem Sonnenschein unter Maulbeerbäumen chillen Pferde und Reiter. Gruppenbild mit Flugzeug.

Ab hier reiten zwei Kundschafter, „Havelkuriere“, voraus, um zu prüfen, ob der vorgesehene Weg auch an der schwierigen Stelle, eine Feuchtwiese, reitbar ist und melden, dass der Umweg südlich vom Dreetzer See sicherer und zugleich sehr schön zu reiten ist. Auf den letzten Metern werden einige Teilnehmer von einem heftigen Schauer erwischt. Doch alle kommen sicher am Start- und Zielpunkt, der „Smith & Miller-Ranch an. Am Abend Grillorgie, Sekt auf die sieben Prüflinge (alle bestanden, auch Ralf, der siebte im Bunde, die tapfere Prüferin Birgit (der es trotz der beachtlichen siebene auf einen Streich sichtlich Spaß gemacht hatte), auf die umsichtige und fürsorgliche Organisatorin Susanne, die Rittführerinnen Barbara und Sabina (bei diesem ersten von ihr geführten Ritt hat niemand die Gruppe wechseln wollen, muss man noch mehr sagen?) sowie die fleißige, freundliche und dabei so liebreizende Trossmannschaft mit Maria, Andreas, Jörg und Alexander. Wieder und zum letzten Mal Lieder am Lagerfeuer, Wehmut. 

Ausklang am nächsten Morgen beim Frühstück. Der Fitness-Check bei den Pferden ergibt, dass die 205-km-Tour allen unseren Unpaarhufern eher gut getan als geschadet hat. Und so empfanden es nach eigenem Bekunden sämtliche Mitreiter auch. 

Und hier noch einmal die Zusammenfassung für alle, die von der Überschrift bis hierher gesprungen sind, weil das Leben zu kurz ist für Trab und Galopp:

Was schön war: Es gab genug Fleisch. Es gab genug Bier. Aprilwetter im August mit Sonne, Wind, Wolken, Regen und Gewitter, aber zu 90% gutes Reitwetter. Bei allen Stationen gab es viel Grünfläche für die Paddocks. Sehr disziplinierte Gruppe, alle immer pünktlich fertig zum Abritt – sehr ungewöhnlich! Große Harmonie unter Reitern und (nach anfänglichen hormonell und sozial bedingten Turbulenzen) Pferden!

Was weniger schön war: Es gab zu viel Fleisch. Es gab auch mal tüchtig Regen. Die Disziplin der Gruppe ging fast ein klitzekleinwenig ins Streberhafte. In diesem sehr schwierigen Erntejahr war es echt schwierig, Heu in guter Qualität zu bekommen. Der nächste Havelkurier ist erst wieder im kommenden Jahr im Juli.

Alle Bilder: